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hubert
Hieke
8. Jun 2008, 15:24
Das
Foto zeigt nicht den poln. Torhüter, sondern Sepp Maier, sowie... mehr...
Es gibt viele mögliche Antworten auf die Frage, warum Deutschland
1974 Weltmeister wurde. Lag es an Gerd Müllers Torinstinkt, Franz Beckenbauers
Spielmacher-Qualitäten oder Sepp Maiers Glanztaten im Tor? Die Antwort könnte
aber auch ganz anders lauten - denn eine ganz wesentliche Rolle spielte eine
Wasserpfütze vor dem deutschen Tor, oder, etwas allgemeiner, der sintflutartige
Regenguss über Frankfurt am 3. Juli 1974, dem Spieltag.
Die Pfütze
nämlich bremste nach einem Schuss von Polens Starstürmer Grzegorz Lato den Ball,
der auf das leere deutsche Tor zurollte. Es war eine symptomatische Szene der
als "Wasserschlacht von Frankfurt" in die Fußballgeschichte eingegangenen
Partie, denn viel stärker als die kampfstarken Deutschen litten die technisch
versierten Polen darunter, dass der völlig durchnässte Platz im Waldstadion
eigentlich unbespielbar war. Es war die wohl beste Mannschaft, die je für Polen
bei einem großen Turnier antrat, und selbst Franz Beckenbauer gab später zu:
"Bei normalen Verhältnissen hätten wir wahrscheinlich keine Chance gehabt." Das
Team um den späteren WM-Torschützenkönig Lato (sieben Treffer) hatte zuvor fünf
Spiele in Folge gewonnen, Italien und Argentinien geschlagen und mit schnellem
Offensivspiel das Publikum begeistert.
Am Morgen hatte in Frankfurt noch
die Sonne geschienen, doch ein 40-minütiger Schauer verwandelte den Stadionrasen
in eine Seenlandschaft. Bevor das entscheidende Spiel der Zwischenrunde
angepfiffen werden konnte, versuchten Feuerwehr und freiwillige Helfer mit
Pumpen und Walzen, der Wassermassen auf dem Platz Herr zu werden. Der Anpfiff
verspätete sich, die Spieler mussten sich in der Kabine aufwärmen. "Wir haben
den Ball gegen die Wand gespielt, im Gang haben wir uns die Bälle zugeschoben
und sind dann in die Dusche gegangen und haben da rumgekickt", erinnerte sich
später Stürmer Bernd Hölzenbein. Keiner habe still sitzen können wegen der
Nervosität - immerhin ging es um den Einzug ins Finale im eigenen Land.
Petrus war Deutschland-Fan Wegen des engen
Zeitplanes des Turniers wollte der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr
nicht erstmals in der Fußballgeschichte ein WM-Endrundenspiel absagen und die
62.000 Zuschauer nach Hause schicken. Um 16.31 Uhr, als kurz die Sonne zwischen
den Wolken hervorkam, pfiff er die Partie mit 31 Minuten Verspätung an.
Beide Mannschaften mussten sich zunächst an die schwierigen Verhältnisse
gewöhnen. Die Bälle blieben im Morast stecken oder wurden überraschend
beschleunigt, die Beine wurden schwer auf dem nassen Boden, und bei jedem
Richtungswechsel war es ein Kunststück, nicht auszurutschen. Mit "Kick and rush"
- weite Bälle nach vorne und dann hinterher - versuchten es die Deutschen. Die
polnischen Stars Kazimierz Deyna, Robert Gadocha und Lato hatten noch größere
Schwierigkeiten, weil im Frankfurter Plantschbecken mit filigraner Ballkunst und
ausgefeiltem Passspiel keine Regentonne zu gewinnen war. Petrus war
Deutschland-Fan im Juli 1974.
Besonders ansehnlich war der Sintflut-Kick
nicht, aber unvergessen wird er trotzdem bleiben. Nie wieder gab es seither bei
den großen Turnieren ein Länderspiel, das unter ähnlichen Bedingungen
ausgetragen wurde. Zur Halbzeit stand es 0:0, nicht zuletzt weil Torhüter Sepp
Maier - mit gelegentlicher Unterstützung der bremsenden Pfützen - eines der
besten Länderspiele seiner Karriere machte. In der 53. Minute hatte Außenstürmer
Uli Hoeneß die Riesen-Chance auf das 1:0, doch er scheiterte mit einem
Foulelfmeter an Tomaszewski im Tor der Rot-Weißen. In der 76. Minute machte es
Gerd Müller besser, im Strafraum verlud er den gegnerischen Keeper und erzielte
den einzigen Treffer des Spiels. Der Rest ist Geschichte: Deutschland wurde
Weltmeister, Polen mit einem 1:0 gegen Brasilien Dritter.
Dass bis heute
bei Fußballspielen zwischen Deutschland und Polen immer eine besondere Rivalität
herrscht, liegt auch an der Frankfurter Wasserschlacht. "Jedes Schulkind in
Polen kennt dieses legendäre Spiel", sagte Lato einmal. Bis heute glauben die
Polen, dass sie bei besseren Platzverhältnissen gewonnen hätten, es gab sogar
Anschuldigungen, die Platzwarte hätten absichtlich nur eine Hälfte des
Spielfeldes vom Wasser befreit, um Polen zu schädigen. Lato selbst ließ solch
abstruse Verschwörungstheorien jedoch nicht gelten: "So ein Quatsch, erstens gab
es ja einen Wechsel in der Pause und zweitens hatten wir die Seitenwahl."
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